Besuch bei Frau Kling aus der ehemaligen Lindenstraße

Arrenberger Luft hält jung

Das Haus mit dem großen Blumen-Schaufenster  in der Masurenstraße kannte ich. Auf mein Klingeln begrüßte mich eine sehr agile, freundliche Dame mit den Worten: „Normalerweise will keiner meine Geschichten von früher hören und jetzt kommen Sie und fragen mich danach.“  Und dann erzählte sie viele Geschichten aus dem Viertel, in dem sie geboren wurde und in dem sie immer gelebt hat. Minutiös beschrieb sie jedes Haus, jedes Geschäft, jede Kneipe mit einem glücklichen Lächeln. „Wissen Sie, das war hier ein sehr belebtes Viertel, überall war etwas los, überall war Leben.“

Frau Johanna Kling, Jahrgang 1929, entstammt einem der alteingesessenen Betriebe des Arrenbergs.  Ihr Großvater, Heinrich Wilhelm Brand, hatte die Kunstglaserei  im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gegründet, ihr  Vater, Heinrich Willi Brand, führte den Betrieb dann weiter, in den ihr Mann, Herbert Kling, ein gelernter Graveur, dann 1949 einheiratete. Er machte seine Meisterprüfung als Kunstglaser und konnte die Firma als Ausbildungsbetrieb weiterführen. Die Kunstglaserei stattete viele Kirchen, Schulen, Gaststätten, öffentliche Gebäude,  Privathäuser und Firmen des Bergischen Landes und der Eifel mit künstlerisch gestalteten Fenstern aus, die teilweise von einem Glasmaler, der eine besondere Qualifikation hatte, zusätzlich bemalt wurden. Auch Mosaiken wurden gefertigt.  Frau Kling führte die Buchhaltung und bewirtete die Lehrlinge und Mitarbeiter täglich beim Mittagsessen mit einem kompletten Menu.

Sie holte ein Fotoalbum und erzählte von der Kriegszeit, die sie in der Masurenstraße, die früher Lindenstraße hieß, erlebte. Die Nazis benannten während des Krieges die Straße um, als sie das ehemalige Ostpreußen „heim ins Reich holten“.  Sie erlebte Angriffe, die das Viertel in Schutt und Asche legten. „Wenn 1944 die Sirenen heulten, liefen wir schnell rüber in die Trinitatiskirche und fanden in einem Räumchen im Keller des  Seitenschiffes Schutz. Mein Kater Bobbie war sehr schlau, denn er hat die Signale der Sirenen verstanden. Er kam dann immer angelaufen und ich nahm ihn auf dem Arm mit in den Keller. Wenn es ins Dunkle ging, schrie er immer, aber blieb auf meinem Schoß sitzen. Sobald die Entwarnung kam, war er der erste, der weg war.“ In den letzten Kriegsjahren, als es richtig  dramatisch wurde, kamen dann nachts im tiefen Winter von der Ernststraße oder der Simonsstraße  oder von noch weiter her auf bloßen Füßen Russenmädchen, die uns baten, in der Kirche auch Unterschlupf zu finden. Scheinbar haben die anderen die Mädchen nicht in die Bunker gelassen, sonst wären die ja nicht so weit barfuß bis zu uns durch die Kälte gelaufen.

Der Arrenberg war zu dieser Zeit fast menschenleer. Es gab Auffangslager, an die die Menschen sich wenden konnten damit sie in geschütztere Gegenden gebracht wurden. Als der Barmer Angriff war, da hatte ich so eine panische Angst bekommen, dass ich auch wegwollte. Mein Vater war zu dieser Zeit im Krieg, er lag bei Hannover, in Kaldenwalde, und er kannte dort  Leute,  die mich aufnehmen konnten. Ich war genau während der Zeit des großen  Angriffs auf den Arrenberg dort. Einen Tag vorher war meine Mutter zu Besuch gekommen und wollte mich wieder mitnehmen und ihren Mann einmal sehen. Und in dieser Nacht war der Angriff.“

Die Bomben vom großen Angriff zerstörten auch das Elternhaus von Frau Kling, nur die Außenwände waren stehen geblieben. Als dann der Herbst mit heftigen Winden kam, stürzten die Wände in der Nacht in sich zusammen. „Wir Kinder spielten dann auf den Trümmern.“

Die Familie wohnte behelfsmäßig zwischen den Trümmern in einem kleinen Häuschen, das hinter dem Wohnhaus errichtet war. Ihr Trink- und Waschwasser holten sie an einem Hydranten im Klinikum, das sie über eine Treppe im Garten „ und dann rechts vorbei am Totenhaus“, erreichten.  Einmal in der Woche konnten sie im Klinikum baden, weil sie einen Arzt gut kannten.

Die Fenster der Patientenzimmer im Klinikum waren mit Betonplatten verschlossen, in denen sich ein Lichtschlitz befand. Das sollte verhindern, dass bei einem Angriff die Fensterscheiben zersplitterten und die Patienten verletzt wurden.

Während des Krieges gab es eine zentrale Versorgung mit Lebensmitteln.  Nach dem Kriegende hat mein Vater Kirchenfenster ins Oberbergische und in die Eifel geliefert  und er hat den Pastören gesagt: „Also, wir machen es nur gegen Fressalien.“ Dann wurde in der Gemeinde gesammelt. Und wenn wir die Fenster eingesetzt hatten, wurde mein Vater mit Lebensmitteln bezahlt. Diese brachte er dann mit und sie wurden hinten in der Werkstatt unter allen verteilt. Ab 1949 ging der Tauschhandel langsam zurück, die Versorgunglage wurde besser und wir konnten  wieder einiges  kaufen.“

Das Elternhaus wurde nach dem Kriegsende wieder aufgebaut. Alle waren damit beschäftigt, aus den Trümmern die Steine zu sammeln und anschließend den Mörtel abzuschlagen. Aus diesen Steinen wurde dann das Haus nach und nach wieder aufgebaut. Ein Polier, der den Bau leitete, schrieb abends mit Kreide an die Wand: „morgen früh xxxx Steine“. Diese Steine wurden dann gesammelt und geklopft.

„Ab Herbst 1944 bis 1956 haben wir da hinten gewohnt. Wenn man durch die Werkstatt ging, gab es noch einen kleinen Anbau zur Ernststraße hin. In diesem Anbau habe ich mit meinem Mann und meinem Sohn Herbert, der 1950 geboren wurde, gewohnt.  Aber baden mussten wir immer bei meinen Eltern, weil die einen Badeofen hatten, der mit Briketts beheizt wurde.

Zur Hochzeit 1949 hatte ich ja Holz und Tischdecken mit aufgedrucktem Stickmuster ohne Stickgarn oder geflickte Bettwäsche geschenkt bekommen. 1956 hatte ich das Glück, dass wir Aufträge von der Firma Pasche bekamen. Als wir in das wiederaufgebaute Haus zogen, durfte ich mir dann ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer aussuchen. Das habe ich dann von meinem  Vater bekommen. Und ein Onkel, der in der Friedrich-Ebert-Straße das Elektrogeschäft Stöcker hatte, gab mir dann die Lampen für meine Wohnung. 1958 wurde dann meine Tochter Sabine geboren.

Man kann sich das alles heute gar nicht mehr richtig vorstellen. Mein Sohn ist 1950 geboren und hat noch mit dem Martin Bröking in den Trümmern gespielt.  Mein Sohn erzählte mir dazu kürzlich am Telefon zwei  Geschichten: „ Martin und ich, wir haben an der Kirche ein Loch gegraben und Wasser hineingefüllt, und dann kam der Küster, der Herr Laschek, und hat fürchterlich mit uns geschimpft. Doch Martin hat nur gesagt: „Sie brauchen gar nicht so zu schimpfen, wenn der Vati heute Abend kommt, der schimpft nicht mit mir.“ Und die beiden gingen Goldfische kaufen und ließen sie in dem Wasserloch schwimmen.

Dann haben sich noch etwas gemacht, die beiden waren schlimm. Der Herr Bröking hatte einen alten VW. In der Garage stand auch ein altes Klavier. Martin war sechs oder sieben Jahre alt und schlug vor, dass sie das Klavier mit einer Kette an den Käfer binden. Und dann ist der kleine Junge bis auf die Straße gefahren, das Klavier schaffte es aber nicht um die Ecke. Und sie haben  das Auto mitten auf der Straße stehen gelassen und sind abgehauen. Da war aber der Vati aber doch sehr böse.

Eine ältere Schwester von Martin, Renate Bröking,  hat 1966 hier in der Trinitatisirche geheiratet. Und meine Tochter Sabine war mit einem anderen kleinen Mädchen Blumenkind.“

Frau Klings Gesicht bekommt einen traurigen Zug, als sie daran denkt,  dass die Glocke weggeben wurde, „das war so schön, wenn hier früher die Glocke läutete. Die Glocke ist leider nach Polen  geschickt worden. Über dem Viertel lag die richtige Samstagsstimmung, wenn die Glocke läutete, so ein ruhiges Wohlgefühl.“

Wir schließen das Gespräch mit einem Wunsch:

„Herr Ladach hatte vor ein paar Jahren ein Konzert in den ehemaligen Kirchräumen veranstaltet. Mehrere Studenten gaben ein Orgelkonzert auf verschiedenen Orgeln. Das hat mir so gut gefallen; ich wünsch mir von Herrn Ladach, dass er so etwas noch einmal organisiert.“

 

 

 

 

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