Bürgerfunk //

1991 haben KatrinA Kunze und ich im Bürgerfunk von Radio Wuppertal eine eigene, regelmäßige Show etabliert. Wir nannten die Sendung 12 INCH FRUIT.

Mittelpunkt war die äußerst lebendige Wuppertaler Clublandschaft und der brandheiße Sound, der in den Clubs gespielt wurde. Von den späten Neunzehnhundertachtziger Jahren bis etwa 2004 war Wuppertal eine kleine und seriöse Clubhochburg, in der teilweise auf Augenhöhe mit Londoner Clubs das Nachtleben pulsierte.
Dadurch, dass sich in der Stadt internationale DJs zeitweise die Klinke in die Hand drückten, war auch hier das musikalische Niveau sehr hoch. Allen voran Gilles Peterson begeisterte mit seinen DJ Sets das Publikum und beeinflusste mehrere Wuppertaler Scheibenreiter maßgeblich. Der Mix aus Soul, Funk, Latina, Afrobeat, Hip Hop und Jazz war zu dieser Zeit einmalig. In der Musik, die er auf seinem Label veröffentlichte, waren all diese Einflüsse hörbar und spürbar. Wir profitierten enorm von diesem Hype, an dem wir als Gäste, DJs, Musiker und Radiomacher teilhatten. Mehrere Wuppertaler DJs nahmen die englische Herausforderung an und bereicherten ihrerseits das Nachtleben mit hochkarätigen DJ Sessions in der Beatbox, dem Basement, dem Cafe ADA, im Chili, dem U-Club oder in der Börse am Viehhof.

Das Bürgerradio wurde von Martina Steimer und Carsten Becker im Forum in der Arrenberger Strasse 100 organisiert. Dort lieferten wir jeden Monat unsere Show auf Audio Cassetten, später auf DAT-Tapes ab. Der zunehmende Erfolg des Bürgerradios führte dazu, dass in der VHS in der Auer Schulstrasse ein eigenes Studio eingerichtet wurde. Von nun an wurden die Sendungen von Hadi Sievert produziert. Einerseits schön, da jede Show ab sofort zumindest technisch dem Radio-Standard entsprach. Andererseits schade, denn das rohe, improvisierte und nicht selten chaotische Flair unserer Sendung   ging dadurch verloren. 12 INCH FRUIT war nun eine Sendung wie fast jede andere, nur die Inhalte waren nach wie vor Underground.

Nach etwa sechs Jahren zog sich KatrinA aufgrund privater und beruflicher Gründe mehr und mehr zurück. Da im Bürgerfunk ausschließlich Teams agieren durften, keine Einzelpersonen, wurde Unterstützung nötig. Wir konnten unseren Freund und Soulbrother Guido Halfmann als festen Bestandteil der Crew gewinnen. Er brachte nicht nur neue Impulse mit, sondern auch einen neuen Namen, der bis zum Schluss Bestand hatte: MOODS & ATTITUDES. Parallel zu den Radioshows wurden wir häufig als DJs gebucht und lernten Clubs in Köln, Hamburg, Zürich und Paris kennen. Die Sendung, die Halfmann und ich ab 1998 als Duo fortsetzten, etablierte sich mehr und mehr in der Szene. Nach einem kurzen Intermezzo im Pavillon wurde das 45 rpm in der Alten Freiheit der Club, in dem wir regelmäßig auflegten und über den wir am intensivsten berichteten. Die Namen der Gast Acts konnten sich nach wie vor sehen lassen. Richard Dorfmeister, LTJ Bukem & MC Conrad, Cinematic Orchestra, Phoenix, DJ Marky & Patife, Utah Saints und andere bescherten uns unvergessliche Nächte und halfen uns Homies, die Anspüche an das eigene Treiben hoch zu halten. Mit Marcus Worgull hatten wir einen DJ und Musiker in unserer Mitte, der bald selbst international erfolgreich und zum Überflieger werden sollte. Als das 45 rpm geschlossen wurde, entstand ein Vakuum.

Die Clubszene, in der wir uns bewegten, verflachte. Die Plattenläden, in denen wir nicht selten unsere kompletten Gagen ausgegeben haben, um mit dem aktuellen Sound versorgt zu sein, mussten schließen oder wanderten aus. Natürlich litt auch die Radiosendung unter dem Schwund „unserer“ Clubs. Der U-Club und das Butan blieben als einzige Läden übrig.  Es gab immer weniger Material für unsere Sendung. Das Futter, von dem unsere Radioshow all die Jahre lebte, schien gegessen. Nach wie vor spielten wir Musik, die sonst kaum oder gar nicht im Radio lief. Es gab aber immer seltener Veranstaltungen in Wuppertal, bei denen man diese Musik erleben konnte. Kurz vor Schluss bäumten wir uns noch einmal auf und engagierten Daniel Schmitt, der neuen Wind in unsere Show brachte. Die Partys und Konzerte, die wir ankündigten, fanden nun aber meistens in Düsseldorf, Köln oder Aachen statt. Nach einigen Unterhaltungen mit Hadi Sievert kamen wir zu dem Ergebnis, dass es das Beste sei, die Sendung einzustellen. Besser jetzt mit einigen Stammhörern und Fans im Rücken gehen, als später im Niemandsland der Bedeutungslosigkeit untergehen. Over and Out!

Heute würde Moods & Attitudes wieder Spaß machen. Denn im Sommerloch, bei PLASTIC ZU ZU, bei MA1 und anderen Veranstaltungen ist der Geist der Clubmusic, wie wir sie lieben, wieder lebendig geworden. Doch heute brauchen wir keinen Bürgerfunk mehr. Die Inhalte, die wir lange hoch gehalten haben, werden mittlerweile in Funkhaus Europa oder in weltweiten Podcasts kommuniziert. Wir laden unsere Mixe mittlerweile in die soundcloud und erreichen damit Musikfreunde “all around the world”!

12 INCH FRUIT aka Moods & Attitudes sendete 16 Jahre non stop Stil prägende Musik in die Häuser. Wir hatten das Glück, zur rechten Zeit auf Leute zu treffen, die uns die Chance gaben, unseren Lieblingssound im Radio zu präsentieren. Guido Halfmann, Daniel Schmitt und ich sind nach wie vor unermüdlich auf der Suche nach dem „perfect beat“. KatrinA Kunze ist 2009 überraschend gestorben. Sie wird irgendwo im Kosmos einen Ort gefunden haben, an dem ihre liebevollen und starken Vibes gut aufgehoben sind. Du fehlst uns, geliebte Soulsister!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort