Tango (Gespräch mit Dona Piedra) Text: Anne Fitsch – Fotos: Andrea Bilstein-Raum

C.E.Flores (1896-1947)

Und ich wuchs auf inTangos.
Denn der Tango ist kämpferisch und stark.
Wurde aus Hass und Traurigkeit geformt.
Aus der Erbitterung, die die Armut lehrt.

Es ist einer jener frühen Sommertage, die so vieles verheißen und in denen alles möglich erscheint. Die Sonne lächelt leise und ein warmer Wind weht sanft durch die Bäume am Straßenrand.  Rote Rosen ranken an der alten Backsteinfassade der Tangoschule und berühren fast den blauen Himmel.

Die ehemalige Tuch- und Seidenfabrik  in der Gutenbergstraße scheint mir der richtige Ort für den Tango zu sein.
Tuchfühlung, Farbe und Rhythmus, fallen mir ein. Alles das ist es auch heute.
Anders, in neuen Zusammenhängen, und doch ist  es wieder Tuchfühlung und Rhythmus, sind es die Farben des Lebens, die hier sichtbar werden.

Im großen Übungsraum liegt ein Plakat auf dem Boden.  Darauf ein Mann und eine Frau in der Pose, die ich sofort mit diesem Tanz aller Tänze verbinde. Den Körper des Partners fest an sich haltend und die Arme weit nach vorne gestreckt. In den Augen des Paares sehe ich Verlangen, aber auch den Willen festzuhalten, zu besitzen.

„Der Tango ist vor allem ein Dialog“, erzählt die sympathische Gastgeberin und Leiterin der Schule  Dona Piedra.
Wir sitzen auf Stühlen und Hockern vor dem Eingang. Immer wieder kommen Freunde und Nachbarn, begrüßen uns freundlich und vergrößern die Runde. Kleine Gesprächsgruppen entstehen, man unterhält sich über den Arrenberg,  redet vom Tanzen und von den Menschen, die hier zusammen kommen.

Tango also auch ein Ort der Begegnung?

„Ja, die Türe ist immer offen“. Jeder ist willkommen: Die alte Frau, die sich regelmäßig mit ihrem Stuhl in den Eingang setzt und zuschaut oder die Kinder aus der Nachbarschaft, die verschwitzt vom Spielen auf dem Sofa sitzen, leise mit den Füßen wippen, staunend und lächelnd glückliche Zuschauer sind.

„Dialog?”, frage ich nach.

Der Tango ist nie der gleiche Tanz. Er formt und  er erfindet sich jedes Mal neu. Je nach Partner, nach dem Lebensgefühl eines Menschen, aber auch einer Stadt, eines Landes. Der Tango in Wuppertal ist ein anderer als in Berlin, er ist ein anderer auf der Straße als im Tanzsaal.

Dieser Tanz – IST – Dialog.
Alle Sehnsucht und Angst, alle Traurigkeit und Wut, die Zärtlichkeit und jedes Verlangen findet hier ihren Platz und ihren Ausdruck.
Tango, das ist: Inspiration, heißt zulassen und einlassen, sich positionieren, geben und nehmen, zusammen gehen, führen und widerstehen, um in seine eigene Mitte zu kommen.

Seinen Anfang nahm er um 1880 in Buenos Aires. Europäische Einwanderer,  aber auch die argentinische Landbevölkerung wurden in diese junge und aufstrebende Stadt gelockt. Die Männer, die oftmals ohne ihre Familien kamen, hofften hier das Glück ihres Lebens zu finden. Sie trafen auf Armut und Elend, Hoffnungslosigkeit und Gewalt. In den Cafes und Bordellen suchten sie Trost und Vergessen. Der Tanz, der hier entstand, war aggressiv, verzweifelt und leidenschaftlich.

Dass Wuppertal sich zu einem wichtigen Zentrum der Tangoszene entwickelt hat, ist nicht mehr zu übersehen.  An verschiedenen Orten der Stadt treffen sich heute Menschen jeden Alters und noch immer geht es darum, im Gespräch, im nonverbalen Ausdruck seinem Lebensgefühl Raum zu geben.

Dona Piedra zog 1998 ins  Tal der Wupper  und arbeitet seit 2003 im  Arrenberger Viertel.
„Der Tango“, so sagt sie, “passt gut in diese Stadt, denn:
Dieser Tanz kommt von der Straße und in Wuppertal findet er den Raum, die Orte und die Menschen, die ihm seine Gestalt geben.“

Hier ist die Geschichte der Arbeiter und der Industrie lebendig. Alte Fabrikgebäude und  die hohen Mietshäuser  des 19. Jahrhunderts erzählen noch immer von der Vergangenheit. Diese Stadt in all ihren Widersprüchen ist spannend und ihr Lebensgefühl lässt Raum für viele unterschiedliche Menschen  und für neue und kreative Wege.

Einige erste Regentropfen holen uns nach über einer Stunde sanft, in die Wirklichkeit zurück. Die Begegnung und die Gespräche haben mich berührt.

Ja, dieser Tanz gehört nach Wuppertal und er gehört zutiefst zum Menschen. Er ist das getanzte Leben, das sichtbare Lebensgefühl zwischen Mann und Frau. Unser Schmerz, unsere Angst, der Hunger und die Sehnsucht, die Liebe und der Hass, alles wird im Tango sichtbar.

“TANGO”, so Dona Pedra, “ist eine Meditation über das Leben.”

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2 Antworten auf Tango (Gespräch mit Dona Piedra) Text: Anne Fitsch – Fotos: Andrea Bilstein-Raum

  1. Gisela Mann von Weiss Gisela Mann von Weiss sagt:

    Dein Tangotext rührt mich an, liebe Anne. Du hast mir mit deinen (und vielleicht auch Piedras?) Worten diesen Tanz näher gebracht und auch verständlicher gemacht. Ich freue mich jetzt schon auf Andreas Fotos!
    Liebe Grüße
    Gisela

  2. Udo Nowak sagt:

    Hallo liebe Anne, ich saß auch bisweilen in dieser Runde und es war mir ein großes Vergnügen, Dir und Piedra während des Interviews zu lauschen. Die gesamte Atmosphäre hast Du allzu treffend beschrieben. Wegen dieser für mich einnehmenden “Umgebung” finde ich seit einiger Zeit immer wieder den Weg von Hannover nach Wuppertal . So freue ich mich und bin gespannt auf das 4.Tango Sommer Festival vom 29.6. – 1.7.12 an und in der Wupper!
    Herzliche Grüße Udo Nowak

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